2,8 mm/s — diese Zahl sollte jeder Fertigungsleiter kennen. Ab dieser Schwinggeschwindigkeit gilt der Zustand vieler Werkzeugmaschinen als kritisch. Doch der Grenzwert allein erzählt nur die halbe Geschichte.
Die Bewertungszonen im Überblick
Die Normenreihe ISO 10816 / ISO 20816 teilt den Maschinenzustand anhand der effektiven Schwinggeschwindigkeit (mm/s RMS) in vier Zonen ein:
- Zone A (neuwertig): bis ca. 0,71 mm/s — Zustand einer frisch in Betrieb genommenen Maschine.
- Zone B (dauerbetriebstauglich): bis ca. 1,8 mm/s — unbedenklich für den Langzeitbetrieb.
- Zone C (eingeschränkt): bis ca. 4,5 mm/s — Betrieb nur noch zeitlich begrenzt vertretbar, Ursache klären und Instandhaltung planen.
- Zone D (kritisch): darüber — Schäden an der Maschine sind zu erwarten, kurzfristiges Handeln erforderlich.
Wichtig: Die genauen Grenzen hängen von Maschinengröße, Fundament und Drehzahlbereich ab. Für präzise Werkzeugmaschinen gelten in der Praxis oft strengere Hausgrenzwerte, weil die Bearbeitungsqualität schon weit vor Zone D leidet.
Warum der Einzelmesswert trügt
Eine Maschine bei 1,5 mm/s kann gesünder sein als eine bei 0,9 mm/s — entscheidend ist der Verlauf. Ein Lagerschaden zeigt sich typisch als schleichender Anstieg über Tage bis Wochen, oft zuerst nur in bestimmten Frequenzbändern. Wer einmal im Quartal mit dem Handmessgerät misst, sieht diesen Trend nicht. Permanente Sensorik erfasst ihn automatisch und erkennt zusätzlich die charakteristischen Schadensfrequenzen (BPFO, BPFI, BSF), die verraten, welches Bauteil betroffen ist — nicht nur, dass etwas schwingt.
Vom Grenzwert zum Frühwarnsystem
Statische Grenzwerte behandeln jede Maschine gleich. Moderne Systeme lernen stattdessen das individuelle Schwingungsprofil jeder Maschine im Normalzustand und alarmieren bei Abweichungen — auch wenn der absolute Wert noch in Zone B liegt. So entsteht aus einer Norm-Tabelle ein echtes Frühwarnsystem mit 48–96 Stunden Vorlauf vor dem Ausfall.
Fazit
Die ISO-Zonen sind der richtige Startpunkt: Über 2,8 mm/s sollten bei Werkzeugmaschinen die Alarmglocken läuten. Wer aber planbar statt reaktiv instand halten will, braucht den Trend — und der entsteht nur durch kontinuierliche Messung.